Nicht alle Autisten sind wie »Rain Man«" titelte die „Kölnische Rundschau“ über den ersten Euskirchener Autismustag, den die gleichnamige Selbsthilfegruppe unter dem Dach des Diakonischen Werks am Samstag organisiert hatte. Federführend waren Tina Witt, Alina Mager und Michaela Limpach. Die Moderation hatte Steffi Lingscheidt von Radio Euskirchen übernommen und der in Mechernicher lebende und wirkende Diakon und Redakteur Manfred Lang die Schirmherrschaft.
Pfarrer Edgar Hoffmann eröffnete den hervorragend besuchten ersten Euskirchener Autismustag namens der Evangelischen Kirchengemeinde in deren Gemeindezentrum an der Kölner Straße in Euskirchen. Bereits zur Eröffnung waren knapp 100 Menschen da – sensationell viele, wenn man bedenkt, dass das Problemfeld „Autismus“ im Kreis Euskirchen noch relativ unbeachtet war, als sich die Selbsthilfegruppe Autismus vor fünf Jahren unter dem Dach der Diakonie gebildet hatte.
Höhepunkt des Tages mit vielen Aktionen und Informationen war eine Autorenlesung mit Nicole Schuster aus ihrem Buch „Colins Welt hat neue Rätsel“. Dass die Schriftstellerin selbst Autistin ist, wäre niemandem aufgefallen; den „typischen“ Autisten gibt es ohnehin nicht. „Es sind nicht alle Autisten gleich »Rain Man«“, sagte Alina Mager dem Reporter.
Der Hollywood-Film, in dem Dustin Hoffman den autistischen Raymond spielt, prägte bei vielen Menschen das Bild. „Man kann jahrelang einen autistischen Menschen zum Nachbarn haben, ohne zu merken, dass er Autist ist. Das fällt beispielsweise erst dann auf, wenn man neben ihm im Bus sitzt und ein anderer Busfahrer als sonst hinter dem Lenkrad Platz genommen hat“, erklärte die Rundfunk- Moderatorin Steffi Lingscheidt. Vom unauffälligen Autisten bis zum Menschen, der ohne fremde Hilfe im Alltag überhaupt nicht klar komme, reiche das Spektrum.
Prominente Unterstützung erhielt die Selbsthilfegruppe Autismus auch von Sebastian Schlemmer. Der Euskirchener spielt die Rolle des Sebastian von Lahnstein in der ARD-Serie „Verbotene Liebe“. In einem Theater-Workshop versuchte er das, was vielen Autisten schwer fällt: sich in Gefühle hinein zu versetzen.
Natürlich haben Autisten Gefühle wie jeder andere Mensch, doch sind viele nicht in der Lage, sich vorzustellen, dass auch andere Gefühle haben. „Da könnte auch ein Baum statt eines anderen Menschen stehen. Sie müssen Gefühle lernen wie andere Vokabel und wissen nicht, dass jemand fröhlich ist, wenn er lacht“, erklärte Steffi Lingscheidt dem Publikum. Dadurch wirkten viele Autisten so, als seien sie dumm; doch das sind sie nicht.
„Sie können über ihr Lieblingsthema einen Fachvortrag auf Dozenten-Niveau halten. Aber wenn es darum geht, was es zu Mittag gab, sind sie überfragt“, so Lingscheidt. Gerade Menschen mit Asperger-Syndrom könnten lernen, ein eigenständiges Leben zu führen, ohne vom Alltag überfordert zu sein. „Die schaffen es oft und können sogar studieren“, sagt Tina Witt.
Der Schlüssel zu einem Autisten sei die Kenntnis seines Spezialinteresses. Da kennen sich die Autisten oft bis ins kleinste Detail aus. „Mein Sohn hat sich früher für Tiere interessiert. Wenn ich ihm gesagt habe, er soll die Hose anziehen, und er wollte nicht, hat er das nicht gemacht. Sobald ich aber die Stoff-Giraffe habe sprechen lassen, war er in der Hose drin“, erinnerte sich Tina Witt im Gespräch mit dem Euskirchener Rundschau-Journalisten Johannes Mager.
Doch warum ist es für Ärzte häufig so schwer, Autismus zu diagnostizieren, so dass einige Erkrankte sogar in Behinderteneinrichtungen kommen? Michaela Limpach: „Sie müssen einen Test machen. Aber wenn sie den nicht machen wollen, dann wollen sie nicht.“ Andererseits weiß Tina Witt: „Manchmal verhalten sie sich bei den Tests vorbildlich. Die Ärzte bekommen die Extremsituationen nicht mit.“
Autisten und „Normalos“ erlebten die Welt durch ganz unterschiedliche Brillen. „Anders sehen“ lautete deshalb auch der Titel des Kunstwerkes, zu dem Kunstpädagogin Margit Hassler-Diallo die Besucher des ersten Euskirchener Autismus-Tages animierte. Auf kleinen Leinwänden malten sie Augenpaare, die zu einem Gesamtkunstwerk zusammengestellt wurden. Für Vorträge und Informationsangebote hatte die Selbsthilfegruppe Fachleute eingeladen.
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Fotos: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress